Weiter zum Inhalt Weiter zum Inhaltsverzeichnis

Epistemic Toolkit

Vorschläge für ein neues Instrumentarium zum Umgang mit Wissen und Erkenntnis im digitalen Zeitalter, kontinuierlich fortgeschrieben und aktualisiert.

01: Wir müssen wissen
Icon Link

Wir wollen nicht nur, wir müssen wissen. Wissen ist die Voraussetzung für ein angemessenes Weltverständnis, erfolgreiches Handeln und sinnvolle Politik.

Aber der kognitive Werkzeugkasten, mit dem wir Wissen gewöhnlich bearbeiten, ist veraltet. Er stammt noch aus der Zeit vor der digitalen Medienrevolution, ja sogar vor dem Entstehen der modernen Wissenschaften. Er führt uns ständig in die Irre, produziert epistemische Arroganz, hyperpolarisierte Kontroversen und massive Fehleinschätzungen der Wirklichkeit. Auch die derzeitige „Krise der Faktizität“ lässt sich als Folgeeffekt unserer veralteten Wissenswerkzeuge verstehen.

In diesem Stream – einer kontinuierlich fortgeschriebenen Publikation – gehe ich den Ursachen der gegenwärtigen Erkenntnis-Konfusion nach und konzipiere einen neuen epistemischen Toolkit: einen erweiterten Wissens-Werkzeugkasten für das Zeitalter der digitalen Medien und der industriellen Wissenschaften.

Erkenntniskulturen 01
Icon Link

Nichts daran, wie wir mit Erkenntnis umgehen, ist unveränderlich oder naturgegeben. Noch nicht einmal die Bedeutung von Wörtern wie „Erkenntnis“ oder „Wissen“ selbst. All dies ist historisch so geworden, wie es derzeit ist: Es hat sich so ergeben.

Das Vokabular, die Logik, die Heuristiken und das Mindset, mit denen wir Erkenntnis handhaben, sind Teil einer historisch entstandenen Kultur: unserer Erkenntniskultur. Und so, wie diese Erkenntniskultur im Lauf der Zeit ihre heutige Form angenommen hat, kann sie sich auch wieder im Lauf der Zeit verändern. Oder wir können sie verändern, wenn sich herausstellt, dass etwas mit ihr nicht mehr funktioniert.

Und genau das ist heute der Fall: Unsere traditionelle Erkenntniskultur ist dysfunktional geworden. Sie hat mit der Entwicklung der modernen Wissenschaften und mit der digitalen Medialisierung nicht Schritt gehalten. Und das ist kein Wunder, denn unsere Erkenntniskultur ist in ihren Grundzügen seit der Antike (oder gar der „grauen Vorzeit“) unverändert geblieben. Sie behandelt alle Erkenntnis immer noch so, als stamme sie aus unserer unmittelbaren, konkreten persönlichen Erfahrung. Und sie kennt nur eine einzige Spielart von Erkenntnis: das Wissen.

Doch diejenigen Erkenntnisse, die heute für uns gesellschaftlich und politisch relevant sind, entsprechen diesem Muster nicht. Sie werden nicht von der persönlichen Erfahrung hervorgebracht, sondern von den institutionalisierten Wissenschaften. Sie werden nicht mündlich von Mensch zu Mensch weitergegeben, sondern sind präsent in der digitalen Medialität und werden durch sie vermittelt. Und sie lassen sich schon lange nicht mehr unter den Begriff des „Wissens“ subsumieren. 

Ja, einige der ständig neu produzierten Erkenntnisse moderner Wissenschaften sind tatsächlich Wissen. Zahlreiche andere hingegen sind es, wie ich im Folgenden argumentieren werden, eben gerade nicht – und werden dennoch in unserer Erkenntniskultur fast durchgängig als „Wissen“ deklariert.

In dieser falschen Gleichsetzung von Erkenntnis und Wissen liegt eine unablässige Fehlerquelle. Sie spielt uns massenweise Wissens-Falschgeld in die Taschen, mit dem wir uns dann, ohne es selbst zu wollen, gegenseitig betrügen, mit fatalen Folgen für Diskurs, Politik und individuelle mentale Integrität.

Auf dem Weg zu einer modernen, funktionstüchtigen Erkenntniskultur für das wissenschaftliche und digitale Zeitalter muss daher eine zentrale Frage lauten: Wie können wir mit jenen Erkenntnisarten angemessen umgehen, die nicht unter den Begriff des Wissens fallen? Diese Frage hat weitreichende Konsequenzen nicht nur für unser Verständnis von Wissenschaft, sondern generell dafür, wie wir uns in der Welt orientieren und mit ihr interagieren.

Erkenntnis 01
Icon Link

Und was soll nun das Wort „Erkenntnis“ bedeuten? Was soll Erkenntnis sein? Wie schon oben gesagt: nicht dasselbe wie „Wissen“. Alles Wissen ist Erkenntnis, aber nicht alle Erkenntnis ist Wissen. Es gibt zahlreiche Arten von Erkenntnis, und zwar insbesondere von wissenschaftlicher Erkenntnis, die eben kein Wissen sind. Oder die es in der hier entwickelten Denkweise nicht sein sollen.

Wir müssen uns also darüber verständigen, was wir hier unter „Erkenntnis“ verstehen wollen. Ein Wort bedeutet ja immer nur das, was man unter ihm versteht.

Er-Kenntnis: Die Vorsilbe „er-“ deutet darauf hin, dass hier etwas beginnt oder etwas erreicht wird, wie bei „Er-Arbeitung“ oder „Er-Schöpfung“. Wird das Kennen von etwas erreicht? So könnte man versuchen, sich der Sache zu nähern.

Oder man schaut auf die Ideengeschichte. „Erkenntnis“ erfüllt im Deutschen ungefähr die Rolle, die epist im Griechischen hatte. Zwar wird epist oft ebenfalls mit „Wissen“ übersetzt, aber andererseits reden wir von Epistemologie und meinen damit „Erkenntnistheorie“, nicht aber „Wissenstheorie“. Hier macht sich bereits der feine Unterschied bemerkbar, den wir weiter ausbauen wollen.

Oder man schaut zeitlich etwas näher, bei Michel Foucault. Bei ihm sind „Episteme(n)“ Wissensordnungen oder, wie er es nennt, Dispositive, die es erlauben, aus allen Aussagen die „akzeptablen“ (und damit als „wahr“ deklarierbaren) herauszufiltern.1 Ist Erkenntnis also schlicht das, was innerhalb einer spezifischen Erkenntnisordnung als gültig akzeptiert wird? Auch das wäre eine mögliche Annäherung an den Erkenntnis-Begriff. Allerdings betrachtet Foucault derartige Wissens- oder Erkenntnisordnungen vor allem als ein Resultat von Machtausübung, während unser gesuchter Erkenntnis-Begriff an eine komplexe Wirklichkeit gebunden sein soll, in der Macht zwar eine Rolle spielt, die aber nicht durchgehen von ihr bestimmt wird.

Vielleicht möchte man aber auch einfach von den alltäglichen, „handelsüblichen“ Denkfiguren ausgehen. Dann könnte man etwas sagen wie: Erkenntnis ist, zu verstehen oder herauszubekommen, wie es wirklich ist oder wie die Dinge wirklich sind. Die Einsicht, dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht umgekehrt oder die Einsicht, dass alle Lebewesen im Laufe der Evolution auseinander hervorgegangen sind und nicht unabhängig voneinander erschaffen wurden, wäre dann jeweils eine Erkenntnis

Das klingt erst einmal überzeugend, denke ich. Allerdings hat eine solche Charakterisierung einen großen Haken: Sie verwischt die Unterscheidung zwischen Erkenntnis und Wissen, die wir aber doch gerade herausarbeiten wollen. Das liegt daran, dass sie auf das Verb „sein“ rekurriert („wie die Dinge wirklich sind“). Sein ist ein hochgradig tückischer sprachlicher und kognitiver Operator, da er die Dimensionen Wirklichkeit und Gültigkeit fast untrennbar miteinander verschmilzt und innerhalb dieser Dimensionen kaum weitere Differenzierungen erlaubt. War das verständlich so? Falls nicht: Wir kommen später noch genauer auf diese Problematik zurück. Wir müssen uns über die verschiedenen Bedeutungsnuancen von „etwas ist so oder so“ sehr genau klar werden.

Dennoch, die Idee, dass Erkenntnis etwas damit zu tun hat, die Wirklichkeit zu erfassen (eben die Wirklichkeit, „wie sie wirklich ist“), sollten wir weiter im Hinterkopf behalten. Sie markiert das Standard-Verständnis von „Erkenntnis“ in unserer Erkenntniskultur, und von dem sollten wir auch ausgehen, wenn wir den Erkenntnisbegriff schärfen und modernisieren wollen.

Ich möchte jetzt aber noch eine andere, vorläufige Charakterisierung von „Erkenntnis“ ins Spiel bringen – eine, die sich von vornherein am Anspruch des Modernisierens oder Zeitgemäß-Machens unserer Vorstellung von Erkenntnis orientiert. Ähnlich wie die Foucault’sche Variante (Erkenntnis als das, was in einer konkreten gesellschaftlichen und historischen Konstellation als gültig erachtet wird) hat sie einen gewissen zirkulären „touch“, sie bindet den Erkenntnisbegriff aber nicht an schwer objektivierbare Machtstrukturen, sondern bleibt viel näher bei der klassischen Idee der „sachlichen“ Wirklichkeits-Erfassung. Die Charakterisierung, die ich meine, lautet: Erkenntnis (jedenfalls wissenschaftliche Erkenntnis) ist das, was die Wissenschaften hervorbringen.

Ist damit überhaupt etwas Gehaltvolles, Substanzielles gesagt? Tatsächlich verzichtet diese Formel ja weitgehend auf den Versuch, Erkenntnis anhand inhaltlicher Kriterien zu bestimmen. Sie stellt stattdessen darauf ab, wie Erkenntnis zustandekommt, gewissermaßen auf ihre Produktionsbedingungen. Diese lassen sich immerhin recht gut untersuchen, denn sie sind nichts anderes als die wissenschaftlichen Prozesse, die Funktionsweisen der pluralen Wissenschaften selbst2. Ein solcher Rekurs auf die Wissenschaften (und nicht, wie bei Foucault, primär auf die Machtkonstellationen) erlaubt es auch, wie wir später sehen werden, den Erkenntnisbegriff in ein stabiles Netzwerk von begrifflichen und methodischen Bezügen einzubinden und damit auch die zunächst möglicherweise bedrohlich erscheinende Zirkularität weitgehend aufzulösen.

Und überhaupt, so etwas gibt es doch häufiger, oder? Dass etwas dadurch definiert ist (oder charakterisiert ist), als Resultat (oder Produkt) von etwas anderem zu entstehen?

Programm 01
Icon Link

Doch zunächst dazu, was Sie, wenn Sie dies lesen, hier konkret inhaltlich erwartet. Was kann ich Ihnen Interessantes oder Neues anbieten? Wie unterscheidet sich mein Ansatz von dem, was in anderen Diskussionen zum Thema Wissenschaft und Gesellschaft verhandelt wird? Und wie von dem, was man, auch wenn man derartige Diskurse nicht aktiv verfolgt, vielleicht sowieso in seinem Kopf bewegt?

Den schnellsten Zugriff auf das Textprogramm bekommt man vermutlich über zwei Ideen. Für die eine gibt es keinen offiziellen Namen (obwohl sie äußerst weit verbreitet ist), die andere ist der Relativismus. Der Relativismus sagt: Es gibt keine Wahrheiten, jedenfalls keine absoluten. Es gibt nur Sichtweisen und Interpretationen. Dem einen mag X so erscheinen, dem anderen anders; der eine mag Y richtig finden, der andere falsch. Es ist alles eine Sache der Perspektive und oft genug auch der eigenen Interessen.

Ein Schlüsselwort zur anderen Idee ist eben bereits gefallen („jedenfalls keine absoluten“), nennen wir sie: Absolutismus. Im Gegensatz zum Relativismus geht der Absolutismus davon aus, dass es zu einem gegebenen Problem in der Regel eine einzige, objektiv oder absolut wahre Antwort oder Lösung gibt – man muss sie nur finden. Die Gleichwertigkeit verschiedener Perspektiven, die der Relativismus propagiert, lehnt der Absolutismus ab. Für ihn gilt: Was zu etwas, dessen Richtigkeit etabliert ist, im Widerspruch steht, kann nicht „anders richtig“ sein – es ist schlichtweg falsch, und Punkt.

Beide Ideen sind plausibel, und beide werden breit praktiziert. Ich denke, ich persönlich kenne ebensoviele Absolutisten wie ich Relativisten kenne (vermutlich mehr). Aber bei aller vermuteten statistischen Gleichverteilung sind die beiden Ideen auch unvereinbar miteinander. Zugleich Relativist wie auch Absolutist zu sein, scheint mehr oder weniger unmöglich.

Andererseits liegt auf der Hand, so denke ich zumindest, dass bei diesen Ideen gilt: „es kommt drauf an“ – nämlich auf den konkreten Anwendungsfall. Bei physikalischen Problemstellungen etwa sind relativistische „alternative Wahrheiten“ eher selten zu erwarten. Bei politischen Angelegenheiten – und vielleicht auch bei politikwissenschaftlichen? – hingegen, oder, sagen wir, auch bei kulturwissenschaftlichen, wird man kaum jemals die eine, absolute Wahrheit ausfindig machen können. 

Aber wie erkennt man im konkreten Fall, welche der beiden Ideen wo passt? Und wie verfährt man in den komplexen Hyperproblematiken unserer Tage, von KI über Pandemien bis Klima oder Gender, bei denen die verschiedensten Wissenschaftsgattungen untrennbar miteinander verschränkt sind? Und wie schafft man es schließlich, in einem einzigen Kopf (nämlich seinem jeweils eigenen) beide Ideen, die sich ja erst einmal „wie Hund und Katze“ zueinander verhalten, ein einer kooperativen, situations- und problemangemessenen Weise miteinander zum Funktionieren zu bekommen?

Natürlich ist in dieser Darstellung alles maximal, sozusagen bis zur Schmerzgrenze vereinfacht. Andererseits müssen wir uns wohl eingestehen, dass unsere Kognition tatsächlich von derartigen simplen Ideen-Schemata wenn nicht bestimmt, so doch aber von ihnen stark beeinflusst oder – oft von uns selbst unbemerkt – dirigiert wird.

Exkurs (einklappbar, überspringbar): Realismus, Konstruktivismus, Transfer-Resistenz

Im philosophischen Fachdiskurs wird ein ähnliches Problem mit etwas anderer Akzentsetzung verhandelt. Es geht dann um das Verhältnis von Realismus (oder, nicht gleichbedeutend, jedoch verwandt: Empirismus) auf der einen, Konstruktivismus auf der anderen Seite – wobei auch diese Gegenüberstellung eine hochkomplexe, kleinteilige Debatte, die sich inzwischen über mehr als 100 Jahre erstreckt, über Gebühr vereinfacht.

Realistische Positionen gehen davon aus, dass die Welt „da draussen“ im Erkenntnisakt, insbesondere im wissenschaftlichen Prozess, auf die eine oder andere Weise erfasst und geistig, sprachlich oder mathematisch abgebildet wird. Eine klassische Metapher des Realismus ist die vom „Buch der Natur“, das die Wissenschaft nach und nach besser zu lesen lernt. Die Metapher lässt sich auch erweitern auf andere Untersuchungsgegenstände, wie die menschliche Psyche oder die Gesellschaft. Welche Denkschulen oder Autoren aus der Wissenschaftstheorie man zum Realismus zählen will, ist, wie vieles in der Philosophie, auch immer wieder strittig. Als über die Fachkreise hinaus besonders wirkungsvoller Autor sei hier aber einmal Karl Popper und sein Falsifikationismus genannt (der allerdings in der heutigen, hochdifferenzierten Theorie-Diskussion eine vor allem historische Bedeutung hat).

Während der Realismus oft eine Nähe zur Physik oder zu anderen Experimentalwissenschaften aufweist, liegen die Wurzeln des Konstruktivismus in der Wahrnehmungspsychologie und später in den Kognitionswissenschaften. Konstruktivisten glauben nicht an das „Abbild der Wirklichkeit in unserem Kopf“ – sie wenden ein, dass unser Geist seine eigene innere Wirklichkeit generiert, und dass dafür die Phänomene der Außenwelt nur den Anlass liefern. Auch diese Denkfigur wird auf die wissenschaftliche Erkenntnis übertragen, die dann alles andere als objektiv erscheint: Wissenschaftliche Erkenntnis, würde ein Konstruktivist sagen, ist ein weitgehend autonomes Produkt unserer Kognition, überformt von den sozialen Bedingungen, unter denen sie erarbeitet wird. Um auch hier wieder einen Namen zu nennen: Bruno Latour etwa wäre ein Vertreter eines wissenschaftssoziologischen Konstruktivismus, der mit seinen Beiträgen zur Actor-Network-Theorie auch weit über die Fachgrenzen hinaus Einfluss gehabt hat.

Wozu dieser Exkurs? Weil es im Verhältnis zwischen fachlicher Theoriebildung und öffentlicher Debatte zwei symptomatische Beobachtungen zu machen gibt. Die erste ist die, dass gewisse Grundfiguren oder Paradigmen aus den Fachdiskursen im öffentlichen Diskurs durchaus große Wirksamkeit entwickelt haben: So dürften etwa beide der oben genannten Namen, Karl Popper und Bruno Latour, mehr oder weniger jedem in der „intellektuellen Öffentlichkeit“ ein Begriff sein, und wenn nicht die Namen selbst, so doch die mit ihnen verbundenen Theorieansätze.

Die zweite Beobachtung ist aber eigentlich viel aussagekräftiger. Sie lautet: Im Fachdiskurs ist die Vermittlung zwischen diesen beiden, hier zugegebenermaßen ein wenig im Handstreich präsentierten Polen Realismus und Konstruktivismus, längst geschehen. Sie ist verbunden mit Namen wie Susan Haack (Foundherentism3), Hasok Chang (pluraler Realismus4) oder Bas van Fraassen (konstruktiver Empirismus5), andere ließen sich leicht hinzufügen (etwa der Social Empiricism von Miriam Solomon, auf den wir im Zuge der Thematik „wissenschaftlicher Konsens/Dissens“ noch zurückkommen werden, aber auch manche deutschsprachige Autoren)6.

Diese Theorien gehören weder zum Realismus noch zum Konstruktivismus oder wahlweise zu beidem zugleich, und sie bieten flexible epistemologische Zugriffe auf die verschiedensten Arten von Wissenschaften und ihre jeweils sehr unterschiedlichen Klassen von Erkenntnissen. Von den Denkern, die sie erarbeitet haben, weiß man allerdings, wage ich zu behaupten, in der Öffentlichkeit (im medialen Diskurs) nichts. Geschweige denn von ihren Theorien.

Wie kann das sein? Gerade dort, wo Wissenschaft tatsächlich politisch und gesellschaftlich verhandelt wird, fehlt das theoretische Rüstzeug, um eine breit aufgefächerte, verschiedenste Wissenschaften und verschiedene epistemologische Meta-Positionen integrierende Diskussion überhaupt möglich zu machen. 

Sind die Theorien jenseits der Kluft zwischen Realismus und Konstruktivismus – ich will sie einmal die hybriden Theorien nennen – dafür zu neu? Sind sie sozusagen noch nicht in den öffentlichen Diskurs eingesickert oder wurden noch nicht dorthin „transferiert“? Oder sind sie – immerhin müssen sie eine beträchtliche konzeptuelle Arbeit leisten, um die „unvereinbaren“ Ausgangstheorien unter einen Hut zu bekommen – schlicht zu schwierig, zu kompliziert, um überhaupt außerhalb der Fachwelt vermittelbar zu sein und dort Fuß zu fassen?

Mein Take dazu ist, dass am ehesten das zweite der Fall ist. Diese Theorien sind zwar außerordentlich leistungsfähig, up-to-date und für die fachliche Rezeption wertvoll, aber sie sind an „normale Menschen“ so gut wie unvermittelbar: sie sind Transfer-resistent. Jeder kann zwar, überspitzt gesagt, denken wie Karl Popper, und viele können es auch mehr oder weniger à la Bruno Latour. Aber keiner kann denken, jedenfalls im gesellschaftlichen epistemischen Alltag nicht, wie Susan Haack oder wie jemand anders aus den oben genannten.

Und so klafft unsere Öffentlichkeit weiter auseinander in (populär-)Realisten und (populär-)Konstruktivisten, die von völlig unterschiedlichen Dingen reden, Wissenschaft auf völlig unterschiedliche, jeweils für sich genommen schmerzlich unzureichende Teilaspekte reduzieren und die miteinander, versteht sich, sowieso in kein produktives Gespräch kommen können. Und das übrigens bis in die Fachkreise derer hinein, die es anders wissen müssten, der Wissenschaftsjournalisten, Wissenschaftskommunikatoren, Wissenschaftsinfluencer und öffentlich auftretenden Wissenschaftler selbst.

Das ist fatal. Was soll man da tun? Es so hinnehmen? Noch mehr Wissenschaftskommunikation betreiben, nun auf der Meta-Ebene? Susan Haack, Bas van Fraassen, Hasok Chang und alle die anderen so „herunterbrechen“, dass „die Leute“ sie verstehen, und darauf hoffen, dass sie sie überhaupt verstehen wollen?

Ich halte das für aussichtlos. Die Theorien würden es nicht überstehen. Sie würden bei einem derartigen Popularisierungsversuch schlicht zerstört. Sie tragen kein Patentrezept in ihrem Kern, so wie Realismus („einfach mal nachschauen, wie es wirklich ist“) oder Konstruktivismus („einfach mal ausgehen davon, was wir selbst so machen“), das diesen „Transfer“ überstehen würde. Sie sind raffinierte, subtile Elaborate, die sich nicht auf eine griffige Formel bringen lassen und bei denen es einer immensen Kenntnis der Debatten und der Begriffswelten bedarf, aus der sie hervorgegangen sind, um sie überhaupt angemessen verstehen, geschweige denn erfolgreich anwenden zu können.

Und was ja noch dazu kommt: Jede Gesellschaft ist ein politischer Raum, und politische Räume organisieren sich vorzugsweise nach Gegensätzen. Realisten und Konstruktivisten, Absolutisten und Relativisten (was miteinander in vielem korreliert) brauchen einander, und zwar als jeweils andere, als Gegner. Sie haben, jedenfalls solange sie Politik als das Durchsetzen ihrer jeweiligen Agenden verstehen, gar kein Interesse an einer vermittelnden, noch dazu komplizierten und wenig volksnahen Mittelposition.

Nein, mein Vorschlag ist, es anders anzugehen. Und zunächst einmal eines als gegeben anzusehen: Die Öffentlichkeit denkt nicht in Theorien. Sie denkt in Heurismen. Sie peilt über den Daumen, mit Daumenregeln.

Aus Popper oder Latour lassen sich solche Daumenregeln extrahieren, weil sie selbst – ein wenig unter der Hand – ihr Denken von ihnen aus beginnen. Bei allem, was ohne sloganhafte Denkfiguren auskommen muss, gelingt das nicht.

Die Strategie des öffentlichen Denken muss also eine andere sein: Man muss direkt mit den Heurismen arbeiten. Man muss solche Denkfiguren erschaffen, die an sich, von vornherein, so einfach sind, so schlicht, in einem wertfreien Sinn, dass der öffentliche, der mediale Mensch, in der wenigen Zeit, die ihm für so etwas zur Verfügung steht, mit ihnen erfolgreich umgehen kann. 

Solche Heurismen lassen sich nicht aus komplizierten Theorien re-engineeren. Sie können nur originär developed werden. Informiert und inspiriert durch die raffinierten fachlichen Theoriebildungen, aber inhaltlich und funktional unabhängig von ihnen, mit einer eigenständigen „Technik“. Oder, anders ausgedrückt: Wir sollten nicht versuchen, die Fachphilosophie in die Gesellschaft zu „transferieren“. Sondern wir sollten unmittelbar an der Schnittstelle zwischen Fachdiskurs und öffentlichem Diskurs neu philosophieren.

Und damit sind wir wieder beim eigentlichen Thema dieses Kapitels: beim heuristischen Multitool, das Absolutismus (die heuristische Variante des Realismus) und Relativismus (die heuristische Variante des Konstruktivismus) in einen Funktions- und, nicht weniger wichtig hier, in einen Gebrauchszusammenhang bringen muss. Solch ein Tool, so lautet die Wette, wird zwar auch noch komplizierter sein als ein popularisierter Primitiv-Realismus oder -Konstruktivismus, aber, wenn es gut designt ist, nur um so viel, wie eben auch unsere Wirklichkeit im Lauf der letzten Jahrzehnte komplizierter geworden ist, so dass es handhabbar und akzeptierbar bleibt. Und natürlich wird es, wie alle Heurismen, Fehler produzieren – jedoch weniger, als dies die übersimplifizierten, die Erkenntniswelt auf ihre primitiven Nenner herunterbrechenden Einzel-Ideen tun. 

Wie es um den politischen Aspekt eines solchen Multitools bestellt sein könnte, ist dann noch eine eigene Überlegung wert. 

Absolutismus wie Relativismus sind keine ausgefeilten Erkenntnis-Strategien. Aber sie sind Erkenntnis-Daumenregeln, Heuristiken, mit deren Hilfe wir uns grobe, schnelle Orientierung verschaffen. Derartige Heuristiken sind ein wichtiges Element im Toolkit unserer jeweiligen Erkenntniskultur – eben jenem Toolkit, den dieser Text verändern und verbessern will.

Eines meiner Ziele in diesem Text ist es, zu zeigen, wie man die beiden Ideen Absolutismus und Relativismus zu einem gemeinsamen heuristischen Apparat, einem flexiblen epistemischen „Multitool“ verbinden kann, so dass man sich selbst bei grober, schneller Orientierung in einer Angelegenheit besser zurechtfindet. Was heisst: Nicht der Versuchung erliegt, sich nur von einer der beiden Ideen leiten zu lassen.  Und dadurch weniger Erkenntnisfehler produziert, sich besser und produktiver – und dennoch kontrovers – über wissenschaftliche oder politische Fragen verständigen kann und als Gesellschaft bessere, von möglichst vielen Menschen nachvollziehbare Entscheidungen treffen kann.

Das ist allerdings bei weitem noch nicht das ganze Programm. Ein epistemischer Werkzeugkasten, wie ich ihn hier konzipiere, besteht aus wenigstens drei Komponenten: Konzepten, Logiken und Heuristiken. Und wir haben bisher nur von einer unter ihnen geredet.

Was also erwartet Sie, die anderen Werkzeuggruppen, also die Konzepte und die Logiken betreffend?

Was die Konzepte (oder eben Terminologien) angeht, ist das zunächst ein Wort für Erkenntnis, die nicht Wissen ist.

So ein Wort muss, ganz genau wie „Wissen“ selbst, sowohl als Substantiv („das Wissen“) wie auch als Verb fungieren können („wir wissen“, „ich weiss“ usw.). Bevor man eine konkrete Vokabel ins Spiel bringt, muss man sich aber genauer mit der Funktionsweise des üblichen epistemischen Vokabulars – Wissen, Erkenntnis, Meinen, Glauben usw. – befassen, und zwar spezifisch vor dem Hintergrund der aktuellen Wissenschaften und der medialen Repräsentation ihrer Ergebnisse. Erst dann kann der angestrebte Bedeutungsgehalt überhaupt umrissen werden.

Nur so viel sei gesagt: Ich möchte eine Wort-Wurzel neu aktivieren, die grob bereits die nötigen Bedeutungen mit sich bringt, die aber andererseits so ungebräuchlich und unvertraut ist, dass sie leicht mit neuen Funktionalitäten aufgeladen werden kann. Sie wird das Rohmaterial bereitstellen für unseren neuen Begriff „nichtwisslicher“ Erkenntnis.

Dabei wird es aber nicht bleiben, auch terminologisch nicht. Denn Wissen ist in unserer Erkenntniskultur in ein überaus stabiles Dreieck aus überaus mächtigen Begriffen / Ideen eingeordnet, ein Dreieck, das aufbrechen zu wollen aussichtslos wäre und noch dazu nicht einmal besonders nützlich. Wir sollten es ruhig bestehen lassen, allerdings um einige Anbauten ergänzen. Dies ist das Dreieck aus Wahrheit – Wissen – Wirklichkeit (kurz: W-W-W-Dreieck). Man ahnt: Wie ein Eisberg ragt es tief in unsere allerfundamentalsten Konzeptionen hinein von der Welt und von uns selbst. An diesem Dreieck Manipulationen auszuführen, und seien es auch nur anbauende, ergänzende, ist keine leichtzunehmende Angelegenheit. Aber genau das werden wir tun.

Wir werden ein ergänzendes Konzept zu „Wahrheit“ entwerfen und ein ergänzendes zu „Wirklichkeit“. Wir werden uns mit der Frage auseinandersetzen, warum etwas gelten kann, wenn es nicht aufgrund seiner Wahrheit gilt (aber auch nicht nur, weil jemand es mit Macht durchgesetzt hat), und auf welche verschiedenen Weisen etwas überhaupt wirklich sein kann (denn die Geltung von Erkenntnissen muss, oder soll, immer aus der Wirklichkeit abgeleitet werden, und nicht, sagen wir, seine Legitimation auf ein gedankliches Luftschloss zurückführen wollen).

Terminologisch erwartet uns also einige Grundlagenarbeiten, oder, um im Bild des Werkzeugkastens zu bleiben, die Aufgabe, einige extrem leistungsfähige, mächtige Instrumente herzustellen oder dies zumindest zu versuchen. Denn auch ein Scheitern dieses Programms muss man in Betracht ziehen: damit wäre allerdings nichts verloren, sofern von ihm Inspirationen ausgehen, die bestehende Erkenntniskultur auf eine andere Weise, als ich es hier versuchen werden, umzudenken, sie zu revidieren und „auf Stand zu bringen“.

Fast noch tiefer in den Innereien unserer Kognition findet der Eingriff statt, den ich im Bereich der Logik vornehmen beziehungsweise vorschlagen möchte. Hier wird es darum gehen, einen logischen Operator zu gestalten, der die Funktionen von „und“ und von „oder“ (genauer: von entweder-oder) auf eine spezifische Weise in sich vereint. Dieser Operator muss in mancher Hinsicht ein paradoxer sein, und das heißt, er widersetzt sich einer zentralen Anforderung unserer klassischen, im Alltag wie in der Wissenschaft tief verankerten Logik: dem Satz vom Widerspruch.

Es ist sicherlich ein widerspenstiger Operator, und ihn in sein persönliches Denken zu integrieren eine harte Herausforderung. Aber der dabei abfallendeder Gewinn kann sich, behaupte ich, sehen lassen. Zudem muss man nicht von Null beginnen, denn der Weg für einen solchen paradoxen Operator ist längst gebahnt, sogar auf mehrfache Art und Weise. Hierzu an dieser Stelle nur ein Stichwort, dasjenige der parakonsistenten  (als neben dem konsistenten, widerspruchsfreien Schließen angesiedelten) Logik. Derartige Logik-Spielarten wurden über die vergangenen Jahrzehnte von Graham Priest (u.a. Universität Melbourne) und anderen Logikern detailliert ausgearbeitet.  Sie haben, dies sei noch angemerkt, Parallelen und Vorläufer in einigen fernöstlichen, insbesondere buddhistischen Logik-Traditionen.

So viel bis hierhin zum Programm. Bei jeder der anstehenden Werkzeug-Entwicklungen, gehe es nun um Logiken, Terminologien oder Heuristiken, werden wir uns parallel auch bereits um Anwendungsfälle und natürlich um gesellschaftliche und politische Auswirkungen Gedanken machen. Ziel ist also nicht nur eine Theorie, sondern ein kleiner Blick voraus auf eine mögliche Welt, in der mit einem besseren kognitiven Instrumentarium ein besserer Umgang mit Erkenntnis praktiziert würde.

Wissenschaften 01
Icon Link

Zeit, den nächsten Zentralbegriff in den Fokus zu rücken: die Wissenschaften. Und dieses Wort muss unbedingt im Plural stehen.

Leider wird ja auch gerne von der Wissenschaft im Singular geredet (wie in „Follow the Science“). Nun gut, man kann das tun, umgangssprachlich. Sofern man dabei im Sinn behält, dass es sich um einen Sammelbegriff handelt, ein Kollektivum. Um etwas wie „die Kleidung“ oder „die Fauna“. Deren einzelne Vertreter sich voneinander ja sehr grundlegend unterscheiden können – so deutlich wie, sagen wir, ein Hut von einem Strumpf oder ein Storch von einem Seeigel.

Gibt es denn überhaupt etwas, das alle Wissenschaften vereint oder sie zumindest untereinander verbindet? – Da sind wir inmitten einer so intensiv wie endlos geführten Diskussion, die sich kaum irgendwie überblicken lässt.

Ist es eine bestimmte Methodik, was die „Wissenschaftlichkeit“ ausmacht? Ist es das wissenschaftliche Experiment? Oder allgemeiner das Forschen? Eine spezifische Logik oder Rationalität oder Systematizität des Herangehens? Die Kritik und Überprüfung durch Fachkollegen? Allgemein Überprüfbarkeit – durch was oder wen auch immer? Oder Replizierbarkeit? Oder allgemein Gelehrsamkeit? Oder ein bestimmtes Textformat, Idiom, gar ein Jargon?

Oder kommt Wissenschaftlichkeit durch eine bestimmte Haltung der Forschenden zustande? Weil sie bestimmten Idealen folgen? Sind Wissenschaften in erster Linie eine bestimmte soziale Praxis? Historisch entstanden, als Institution stabilisiert und sich dabei stetig weiter verändernd? Und in welchem Licht lässt das dann ihre Ergebnisse dastehen – wie unabhängig können sie von ihrem sozialen Kontext sein? Und wäre denn eine solche Unabhängigkeit wünschenswert? Kann Wissenschaft denn überhaupt unparteiisch, unpolitisch sein? Aber wäre es nicht andererseits absurd anzunehmen, dass etwa ein mathematischer Beweis von politischen oder gesellschaftlichen Faktoren beeinflusst wird?

Was liefern Wissenschaften überhaupt? „Erkenntnisse“, haben wir gesagt, aber wie kann man das genauer auffächern? Sind Erkenntnis Erklärungen dafür, warum etwas so oder so ist oder vonstatten geht? Sind es Beobachtungen, Dokumentation, Daten? Prognosen? Beweise? Modelle, Theorien? Hypothesen? Konstrukte, womöglich Spekulationen? Gar nur („nur“?) Denkanstöße, Inspirationen? 

Und liefert Wissenschaft Wahrheit? Wenn nicht, strebt sie Wahrheit wenigstens an? Tut das jede Wissenschaft? Und lässt sich eigentlich alles wissenschaftlich untersuchen? Auch die Wissenschaft(en) selbst? Und sollen Wissenschaften sich nur darum kümmern, was ist? Oder auch darum, was sein sollte? Lässt sich das überhaupt voneinander trennen? In welchen Fällen ja, in welchen nein? 

Und welche Disziplinen sind überhaupt Wissenschaften? Ist die Medizin eine Wissenschaft? Oder ist sie eine Therapiepraxis? Oder etwas von beidem? Wie ist es mit der Rechtskunde? Kann eine Disziplin, die praktische Konflikte anhand menschlich gesetzter Normen entscheidet, sinnvoll als „Wissenschaft“ bezeichnet werden?7 Was ist übrigens mit der Philosophie? Viele Philosophen reden von ihrer „Forschung“, aber ist es nicht eher so, dass sie etwas entwerfen oder erfinden?8 Und kann es denn sein, dass wissenschaftliche Ergebnisse einander widersprechen, wie es oft in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften der Fall ist? Heisst das dann nicht, dass jeweils ein Ergebnis wahr sein muss, das andere unwahr? (Spoiler: nein, heisst es nicht.)

Für jeden dieser Punkte, und zweifellos auch noch für viele andere mehr, wird man jemand finden, der ihn vertritt. Jemand, der versucht, mit seiner Hilfe zu erfassen oder zu definieren, was Wissenschaft(lichkeit) ist oder was sie sein soll. In den meisten Fällen mit durchaus wissenschaftlichem Anspruch (wie auch immer der sich im konkreten Falle dann äußert). Was zu einer Schwemme von „-ismen“ innerhalb der Theorien über die Wissenschaften führt, wie Empirismus, Rationalismus, Funktionalismus, Kritizismus, Konstruktivismus etc., die einander im Regelfall gegenseitig als völlig falsch betrachten. Etwas wie ein Konsens ist nicht zu erwarten.

Was Wissenschaft(lichkeit) nun ist, wissen wir davon immer noch nicht. Oder was sie sein soll. Denn natürlich ist Wissenschaft(lichkeit) nicht einfach so „da“, sondern wir entscheiden, was unter diesen Begriff fallen soll und was nicht, und auch da können die Vorstellungen auseinandergehen und die Kriterien sich verändern. Im Mittelalter etwa hat man den Begriff „Wissenschaft“ (scientia) ganz anders verwendet, als man das heute tut. Im Mittelalter hieß Wissenschaft, grob gesagt (sehr grob), ein Phänomen gemäß der vier aristotelischen „Ursachen“ zu untersuchen, der materialen, formalen, bewegenden (wirkenden) und finalen (angestrebten) Ursachen – plus rationale Logik im Sinne von Denkkunst und Argumentation. In diesem Sinne ließ sich auch die Theologie als Wissenschaft betreiben. Geht das auch heute noch?

Wo die -ismen derart unvereinbar überborden, finde ich es legitim, einen persönlichen Favoriten ins Spiel zu bringen, der weitgehend ohne sie auskommt beziehungsweise sie unsichtbar-elegant integriert: Holm Tetens. Der Wissenschaftstheoretiker von der FU Berlin (2015 emeritiert) hat einen Katalog aus fünf „Idealen“ zusammengestellt, die in allen Wissenschaften, so fasst er es, verfolgt oder in unterschiedlicher Weise realisiert werden: Wahrheit, BegründungErklärung und VerstehenIntersubjektivität und Selbstreflexion.9

Ich möchte diesen Katalog hier nicht im Detail diskutieren – bei aller grundsätzlichen Zustimmung habe ich auch einige Einwände. Er macht aber in jedem Falle eines sehr gut deutlich: Nämlich, dass derartige Ideale in den unterschiedlichen Wissenschaften jeweils sehr unterschiedlichen Stellenwert haben können. 

Etwa können in einigen Wissenschaften, sagen wir, Intersubjektivität und Selbstreflexion eine große Rolle spielen, Wahrheit aber nur eine kleine (oder nur eine „regulatorische“ – Wahrheit würde zwar angestrebt, könnte aber nie erreicht werden). In anderen Wissenschaften könnte es genau umgekehrt sein. Wenn man sich das vor Augen hält, dann hat man schon einen Eindruck davon, wie verschieden die Erkenntnisarten sein können, die unterschiedliche Wissenschaften hervorbringen.

Und noch etwas würde ich gern von Tetens ausleihen mit einem großen Dank, nämlich die Metapher vom Zoo. „Der Wissenschaftsbetrieb“, schreibt er, „ist ein Vielfächerzoo.“ – Wir erinnern uns an den obigen Vergleich mit der „Fauna“, die aus kaum miteinander vergleichbaren Lebewesen besteht.

Übrigens: Auch Wittgensteins Konzept der Familienähnlichkeiten hat hier seinen Platz. Etwa gehören alle Spiele – „Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiele, Kampfspiele, usw.“, – so Wittgenstein, zu einer „Familie“, weil zwischen zwei beliebigen von ihnen immer in irgendeiner Hinsicht Ähnlichkeiten zu entdecken sind, in der Art, wie manche Familienmitglieder eine ähnliche Nase, andere hingegen zum Beispiel eine ähnliche Stimme haben. Das eine Kriterium, das eine gemeinschaftliche Tätigkeit zwangsläufig zu einem Spiel machen würde, gibt es aber nicht.10 Ein anderes Beispiel für derartige nicht-hierarchisierbare Taxonomien wäre „der Sport“ beziehungsweise die verschiedenen Sportarten. Und noch ein anderes passendes Wort hier wäre: Cluster.

Wie auch immer man es konzeptuell fassen möchte: Wissenschaft ist etwas Plurales.11 Und diese Pluralität bringt es mit sich, dass ständig von Neuem darüber diskutiert werden muss, was denn nun „innerhalb“ des Begriffes liegt und was „außerhalb“, was „echte“ Wissenschaft ist, was nicht – ohne, dass man eine dauerhafte Lösung erwarten dürfte.12

Holm Tetens schreibt weiter über den „Vielfächerzoo“ der Wissenschaften: „Wie in realen Zoos geht es nicht nur friedlich in ihm zu. So wie im Zoo Tiere, würden sie nicht sorgsam durch Gitter voneinander getrennt, sich wechselseitig ihren Platz streitig machen, so bestreiten auch manche Wissenschaften anderen, dass sie überhaupt zu den Wissenschaften gehören.“13 Und erwähnt als Beispiel den Graben zwischen Natur- und Geisteswissenschaften und die Animositäten, die über ihn hinweg ausgetragen werden.

Ja, sind die Geisteswissenschaften denn überhaupt Wissenschaften? Fragen Sie mal einen (klassischen, experimentellen) Physiker dazu. Er wird wohl skeptisch antworten, wenn nicht schlimmer.

Aber sie bringen Erkenntnisse hervor. Das dürfte unstrittig sein – hoffe ich zumindest.

Sind diese Erkenntnisse Wissen? Und wenn sie eine Gültigkeit haben, sind sie gültig qua Wahrheit

Sie ahnen, worauf ich hinauswill, auch wenn mir (uns) zu diesem Zeitpunkt noch die Worte fehlen, um in unserem Geist konkrete positive Vorstellungen des Gemeinten erstehen zu lassen. Bisher können wir es nur negativ sagen: Die Erkenntnisse der Geisteswissenschaften scheinen wohl in den meisten Fällen eher kein Wissen zu sein – sondern etwas anderes –, und wären sind dann gültig nicht qua Wahrheit, sondern auf andere Art und Weise. 

Wobei man die Unterteilung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften natürlich auf keinen Fall zu ernst nehmen sollte. Gerade in unserer Epoche der hybriden, ineinander verwickelten Hyperproblematiken nicht, von KI über Gender bis Klima, bei denen jeweils die verschiedensten Wissenschaftsarten miteinander wechselwirken und ihre Erkenntnisprojekte ineinander verstrickt sind. Bei den allermeisten solcher komplexer Angelegenheiten, zu denen wir Erkenntnis erlangen wollen, spielen geistes- und naturwissenschaftliche Ansätze zugleich eine Rolle. Zudem kommt keine eine Naturwissenschaft ohne ein gewisses Maß spekulativer, theoretischer Axiome aus und kaum ein geisteswissenschaftliches Forschungsprojekt kann auf naturwissenschaftlichen oder doch wenigstens empirischen Input verzichten.

Dennoch ist eine provisorische Unterscheidung der Erkenntnisarten entlang der Trennlinie zwischen Natur- und Geisteswissenschaften nicht gänzlich nutzlos. Man kann dieses Dichotomie am ehesten als eine Heuristik verstehen, eine Regel oder Prozedur, die ein schnelles, aber nicht unbedingt präzises Einschätzen ermöglicht. Als eine solche werden wir sie auch bei der weiteren Bestückung unseres epistemischen Werkzeugkastens noch genauer unter die Lupe nehmen.

Die Frage, was Wissenschaft(lichkeit) ausmacht, an der sich bereits Generationen von Wissenschaftstheoretikern die Zähne ausgebissen haben, werden auch wir hier nicht annähernd lösen können. Daher zum Abschluss dieses Abschnittes wieder eine These: Um in einer praxisrelevanten Weise zu verstehen, was die heutigen Wissenschaften sind und wie sie funktionieren, helfen alle Definitions- oder Charakterisierungsversuche letztlich nur recht wenig. Wer kompetent über die Wissenschaften reden und mit wissenschaftlicher Erkenntnis in Diskurs und Politik operieren will, muss sich vor allem aktiv und unmittelbar mit verschiedenen Wissenschaften befassen und mit ihnen vertraut werden.

Wie soll das geschehen, wenn man nicht selbst am Forschungsbetrieb teilnimmt? Wir kommen auch auf diese Frage noch zurück.