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Der konservativ-liberale Sozialist

von Leszek Kołakowski

Leszek Kołakowski, polnischer Ex-Marxist und philosophischer Ideengeber der Solidarność, träumte 1978 von einem Idealmix der politischen Grundpositionen: Die widerspruchsfreie Kombination des scheinbar Unvereinbaren. In einer Zeit extremer politischer Polarisierung ein reizvoller Gedanke.


»Bitte vorwärts zurücktreten!« (Ich habe diesen Ausruf von einem Schaffner in einer Warschauer Straßenbahn gehört; ich schlage ihn als Hauptlosung für eine große und mächtige Internationale vor, die nie existieren wird.)

Man denkt konservativ, wenn man glaubt:
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Daß es nie solche Verbesserungen und Erleichterungen des menschlichen Lebens gab oder je geben wird, die nicht mit Verschlimmerungen in anderer Hinsicht bezahlt werden müßten, und daß bei allen Reform-Vorschlägen die Frage nach ihrem »Preis« zu stellen ist. Dasselbe läßt sich auch anders sagen: Es gibt unzählige Übel, die wir in vollem Ausmaß gleichzeitig erleiden können. Andererseits gibt es mehrere Güter, die sich gegenseitig entweder ausschließen oder begrenzen und die wir niemals gleichzeitig in vollem Umfang genießen können. Eine Gesellschaft, in der es überhaupt keine Gleichheit und überhaupt keine Freiheit gibt, ist durchaus möglich. Unmöglich hingegen ist eine Gesellschaft, in der gleichzeitig totale Gleichheit und völlige Freiheit herrschen. Dasselbe gilt für die Vereinbarkeit von Planung mit dem Prinzip der Autonomie sowie für die Beziehung zwischen Sicherheit und technischem Fort schritt. Noch anders ausgedrückt: Ein Happy-End der menschlichen Geschichte gibt es nicht.

Daß wir das Ausmaß nicht kennen, in welchem verschiedene, aus der Tradition übernommene Lebensformen – Familie, Nation, religiöse Gemeinschaft, Rituale – für die Dauer (und die Beschaffenheit der Dauer) von Gesellschaften wichtig und unentbehrlich sind. Keine Gründe liegen vor, die zu der Annahme berechtigen, man könne zur Vermehrung der Lebenszufriedenheit, des Friedens, der Freiheit oder der Sicherheit irgend etwas beitragen, indem man jene Lebensformen als »irrational« brandmarkt oder gar vernichtet. Im Gegenteil. Wir wissen nicht, was geschehen würde, falls – beispielsweise – die monogamische Familie abgeschafft oder die herkömmliche Sitte, die Verstorbenen zu begraben, durch die rationelle Verwertung der Leichen für industrielle Zwecke ersetzt würden. In Wirklichkeit stünde das Schlimmste zu erwarten.

Daß es eine Behauptung der Aufklärung gibt, die nicht nur höchst unwahrscheinlich und erfahrungswidrig, sondern auch verhängnisvoll im Sozialdenken ist. Es ist die Annahme, derzufolge der Neid, die Eitelkeit, die Habsucht und die Aggressivität lediglich durch fehlerhafte soziale Einrichtungen verursacht worden seien. Man müsse nur die Einrichtungen reparieren. (Doch wie, zum Henker, sind alle diese Einrichtungen entstanden, wenn sie der echten, wahren menschlichen Natur so sehr widersprechen?) Die Wahrheit ist: Wer hofft, daß man Brüderschaft, Liebe und Uneigennützigkeit institutionalisieren könne, befindet sich unversehens schon im Besitz eines zuverlässigen Rezeptes für den Despotismus.

Man denkt liberal, wenn man glaubt:
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Daß die alte Idee, nach der es die Aufgabe des Staates sei, sich um die Sicherheit zu kümmern, gültig bleibt. Sie bleibt auch dann gültig, wenn man den Begriff »Sicherheit« dergestalt erweitert, daß er nicht nur den polizeilichen Schutz der Person und des Eigentums umfaßt, sondern auch verschiedene soziale Versicherungen: Daß die Menschen nicht aufgrund von Arbeitslosigkeit verhungern müssen; daß sie nicht wegen Geldmangels an heilbaren Krankheiten sterben dürfen; daß sie einen kostenlosen Schulunterricht in ihrer Kindheit erhalten – all das wird im Begriff von »Sicherheit« aufgenommen. Auf keinen Fall aber soll man »Sicherheit« und »Freiheit« verwechseln. Der Staat gewährleistet Freiheit nicht dadurch, daß er etwas tut und reguliert, sondern vielmehr dadurch, daß er nichts tut und verschiedene Lebensbereiche ohne Regulierung läßt. Tatsächlich läßt sich Sicherheit nur um den Preis der Freiheit vergrößern. Auch ist es auf keinen Fall eine Aufgabe des Staates, die Menschen glücklich zu machen.

Daß menschliche Gemeinschaften nicht nur mit Stagnation, sondern mit Degradierung und endlich mit dem Tod bedroht sind, wenn sie so organisiert werden, daß die Initiative und die Erfindungsgaben der einzelnen keinen Platz mehr haben. Ein Selbstmord der Menschheit ist vorstellbar, aber eine dauerhafte menschliche Ameisengesellschaft ist es nicht, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil wir keine Ameisen sind.

Daß es höchst unwahrscheinlich ist, daß in einer Gesellschaft, in der alle Formen von Konkurrenz abgeschafft sind, die notwendigen Antriebe für Schöpfung und Fortschritt gleichzeitig fortwirken. »Mehr Gleichheit« ist kein Wert an sich, nur ein Mittel. Mit anderen Worten: Es lohnt sich überhaupt nicht, nach mehr Gleichheit zu streben, wenn dadurch nur die Wohlhabenden herabgezogen, nicht aber die Benachteiligten wirklich unterstützt werden. Die vollkommene Gleichheit ist übrigens ein selbst-zerstörerisches Ideal.

Man denkt sozialistisch, wenn man glaubt:
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Daß, wenn Profitstreben der einzige Regulator der Produktion ist, die gegenwärtigen Gesellschaften mit größeren – wenn auch anderen – Katastrophen bedroht werden als Produktionssysteme, in denen Profitstreben völlig eliminiert ist. Es existieren auch vernünftige Gründe, die Freiheit der ökonomischen Handlungen im Namen der Sicherheit der Mehrheit zu begrenzen. Allerdings sollte die Begrenzung der Freiheit »Begrenzung der Freiheit« genannt werden; eine besondere Freiheitsform ist sie jedenfalls nicht.

Daß es vernunftwidrig und scheinheilig ist, aus der Unmöglichkeit einer vollkommenen, konfliktlosen Gesellschaft zu schließen, jede existierende Form der Ungleichheit sei unvermeidlich und jede Form des Profits gerecht fertigt. Der konservative, anthropologische Pessimismus, aus dem merkwürdigerweise folgt, daß die progressive Besteuerung ein Skandal sei, ist ebenso verdächtig wie geschichtsspekulativer Optimismus, auf dem der Archipel Gulag gebaut wird.

Daß die Tendenz zur sozialen Kontrolle der Wirtschaft gefördert werden soll, auch wenn das notwendigerweise das Wachstum der Bürokratie stimuliert. Ohne repräsentative Demokratie wird es jedoch jene Kontrolle niemals geben; auch gilt es rechtzeitig dafür zu sorgen, den Kontrollinstanzen institutionelle Riegel dort vorzuschieben, wo ihr eigenes Wachstum die Freiheit bedroht.

Soweit ich sehen kann, ist diese Sammlung der regulativen Ideen widerspruchsfrei. Falls dem so ist, wäre es möglich, ein konservativ-liberaler Sozialist zu sein. Das bedeutet freilich andererseits, daß diese drei Worte keine einzelnen, lebensfähigen Optionen mehr symbolisieren. Warum die anfangs erwähnte, große und mächtige Internationale nie entstehen wird, ist so zu erklären: Diese Internationale wird nicht imstande sein, den Menschen zu versprechen, daß sie glücklich sein werden.

Leszek Kołakowski (1978)

eine englische Version des Textes gibt es hier