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Das Denken Entknöchern

Ein Minimanifest-Exposé: freie philosophische Formate im Internet – para-akademisches Denken auf hohem Niveau.

Man denkt ja nicht mit blossen Händen, man braucht Denkmittel, unsere sind oft alt: altgriechisch und alteuropäisch. Nicht die einzelnen Theorien, die können sehr neu und aktuell sein, sondern ihre Kategorien, Begriffe, Metaphern, von „Wahrheit“ bis „Schuld“ bis „Bedeutung“ bis „Politik“ (plus vieles, das keinen Namen hat), ihre tiefen Formatierungen: geprägt von Platon und Aristoteles oder von der Aufklärung und ihren Folgen. Ich überspitze extrem natürlich. Und seitdem fixiert. Nicht mehr plastisch.

Wenn sich die Zeiten ändern, muss sich das Denken ändern. Und die Zeiten ändern sich rasant. Es reicht nicht, die alten Muster zu variieren, man muss sie einschmelzen, neue gestalten. Dazu muss man etwas wagen, dazu muss man experimentieren, wie die Griechen, wie die Aufklärer: es muss wimmeln vor Originalität.

Nicht nur „Das Medium ist die Message“, sondern auch: „Das Forum macht den Inhalt“ (oder es ermöglicht ihn)
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Wer schreibt, kennt das: Ändert sich das Forum, so ändert sich der Text, und zwar nicht nur seine kommunikative Oberfläche („was kann ich voraussetzen, was muss ich erklären?“), sondern es ändert sich der gedankliche Inhalt selbst. In einem literarischen und einem wissenschaftlichen Forum sage ich nicht dasselbe auf unterschiedliche Weise, sondern ich sage unterschiedliche Dinge. Nicht nur „Das Medium ist die Message“, sondern auch: „Das Forum macht den Inhalt“ (oder es ermöglicht ihn).

Denken findet derzeit – ab einer gewissen Komplexitätsstufe – in Institutionen statt: in Universitäten und Forschungseinrichtungen. Das ist gut, denn es sichert Qualitätsstandards und Professionalität. Es ist aber auch problematisch: Institutionen haben Konventionen, Diskurse haben Regeln. Wo Institutionen aufsitzen auf Denkmitteln, da schützen sie diese; je fundamentaler die Denkmittel sind, desto rabiater ihre Verteidigung.

Nicht jedes intellektuelle Vorhaben ist für die Institutionen geeignet
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Bei weitem nicht jedes intellektuelle Vorhaben ist für die Institutionen geeignet. Das eine ist zu ergebnisoffen, das andere zu wenig planbar, das nächste zu persönlich, noch ein anderes hat zu wenig „Forschungscharakter“, verheisst keine Ergebnisse in Buch- oder Artikelform – oder alles zugleich. Aber gerade diese Projekte können Neues bringen, können der Erstarrung der Denkmittel entgegenwirken. Abgesehen davon, dass man sie vielleicht schon lange realisieren will, doch nicht weiss, wo und wie.

zwei freundlich debattierende Personen

Deshalb schlage ich ein neues Forum vor. Eines, in dem man denkerische Risiken eingehen kann, ohne naiv das Rad neu zu erfinden. Ein Forum, das nicht weniger professionell ist als die Universität, aber andere Formate zulässt. Keine Notizstapel in einsamen Schreibtischschubladen, keine verstreuten Blogs, sondern ein Ort der Akkumulation, der kritischen Masse von Produzierenden wie (einander) Rezipierenden; einen Ort, an dem sich Denker, Denkerinnen, Denken zusammenfinden; zu dem diejenigen strömen, die assistieren, kritisieren, kommentieren, mitdenken, mitmischen wollen.

Es muss wimmeln vor Originalität!
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Konkret: Was mir vorschwebt, ist nicht ein Web-Journal, auch nicht ein Meta-Blog (wie hypotheses.org – das noch am ehesten Ähnlichkeiten hat, siehe unten), sondern ein neues, hybrides Internet-Format für Philosophie und andere Denkdisziplinen, das features von social network, blogging und bookwriting vereint; inklusive einer professionellen medialen Selbstpräsentation, die für Bekanntheit, Reichweite und ständige Teilnehmer-und-Besucher-Lebendigkeit sorgt; inklusive eines „boards“, das koordiniert, Gesicht und Gestalt gibt; inklusive einer technischen Infrastruktur, die verschiedenste Textformen vom einzelnen Aphorismus bis zur sukzessive entstehenden Monographie ermöglicht. Erfahrungen im Aufbau von Plattformen sind vorhanden, Ressourcen ebenfalls. Gemeinnützigkeit wäre vorgesehen. Details gerne später gesondert.

Dieser Ort hätte von Anfang an seine spezifische Kultur: eine Gartenkultur. Neugieriger und kluger Austausch über die Hecke hinweg fördert das Wachsen der Gedanken. Man flaniert zwischen den Rabatten, es treffen sich die Kollegen, die Besucher, man kommentiert: Oho! Nanu! Wozu? Und warum so, warum nicht anders? – doch würde nie etwas zertrampeln. Ein intensives, aber leises intellektuelles Biotop, das ergänzend neben dem akademischen existiert. Und natürlich hat das Denken in Gärten eine lange und erfolgreiche Tradition.

Man kommentiert: Oho! Nanu! Wozu? – doch würde nie etwas zertrampeln: eine Gartenkultur
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Und ja: Es muss nicht gleich an die Grundfesten der westlichen Gedankenpraxis gehen. Das war mein Zugriff oben, weil alles einen Rahmen braucht. Aber manchmal bringt ein raffiniertes Kitzeln mit fedrigen Begriffen, ein sachtes Wehen luftiger Ideen sicher mehr Bewegung hervor als der wilde Schlag mit dem mentalen Schmiedehammer. Auch die feinen Zwirbelranken des Denkens suchen nach einem Ort, an dem sie gedeihen können. Und an dem man sie auch findet. Oder die fortlaufende philosophische Reflexion über Alltag und Aktualität. Oder das interaktive philosophische Experiment, das flexible Web-Technik braucht. Oder der Testlauf für unfertige Gedanken. Oder oder.

Also. Zwei Fragen. Erstens an die Denkmittel-züchtenden- Schreibenden: Interesse? Zweitens an die Lesend-kommentierend-Mitmischenden-Mitdenkenden (die Grenze zwischen beidem muss nicht rigide sein): Interesse?

Diese Fragen sind nicht rhetorisch – ich möchte es wirklich wissen, denn mein Vorschlag ist ernst gemeint. Für Kommentare stehen mein facebook und mein twitter wartend bereit.

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Wer schreibt hier? Ich bin freischaffender Philosoph und Gründer eines erfolgreichen Medien- und Wissenschaftsportals (dekoder.org, Thema Russland und Europa, Grimme Online Award 2016). Mehr über mich hier. Man findet mich (gelegentlich) auch auf twitter: @m_krohs


Zum Abschluss: kurzer Vergleich mit hypotheses.org und anderen (akademischen) (Blogging)-Plattformen

hypotheses.org ist eine Blogging-Plattform für Geisteswissenschaften, die seit 2009 besteht. Von allen Angeboten im Internet kommt sie dem, was mir vorschwebt, am nächsten (auch, was die Mehrsprachigkeit betrifft: das Projekt, von dem hier die Rede ist, würde wohl mit Deutsch, Englisch und Russisch beginnen). hypotheses.org kann aber die eigentliche Kernaufgabe, nämlich einen neuen Diskurs neben dem akademischen – sagen wir: hervorzulocken, nicht erfüllen. Einige Unterschiede zwischen hypotheses.org und meinen Plänen:

  • hypotheses.org aggregiert Blogs verschiedenster Disziplinen: ihm fehlt das thematische Profil. Man muss im Prinzip bereits wissen, welchen Autor man sucht, um sein Blog zu finden. Ich schlage dagegen ein „Projekt X“ vor, das ausdrücklich Philosophien (im Plural) zum Inhalt hat – eine Anlaufstelle für jeden, der einen vielfältigen, aktiven und originellen philosophischen Diskurs sucht. In dieser Art thematischer Profilierung gleicht es daher eher, zum Beispiel, hsozkult.de
  • hypotheses.org (wie auch hsozkult.de) sind dezidiert akademische Plattformen, auf ihnen wird der universitäre Diskurs weitergeführt. „Projekt X“ hingegen würde sich ausdrücklich als para-akademisch verstehen, als ergänzend neben der academia: die Autoren können, müssen aber nicht aus Forschungsinstituten stammen (darauf, dass das Niveau immer professionell ist, hat das board ein Auge), die Leser und Kommentatoren überhaupt aus beliebigen Sphären des intelligenten Internets. „Projekt X“ ermöglicht ausserdem den Gebrauch der verschiedensten Denk- und Sprachregister: Es ist leicht vorzustellen, dass auf „Projekt X“ eine Untersuchung zu formaler Logik neben einem philosophischen Roman neben einem interaktiven Netz-Experiment in empirischer Philosophie existiert. Auf hypotheses.org wäre das kaum denkbar.
  • hypotheses.org bietet dem einzelnen akademischen Blogger eine komfortable Plattform, aber es hat keine nennenswerte Community. Kommentiert wird mässig, und zumeist wohl innerhalb des jeweiligen Kollegenkreises. Man ist als user kaum mit neuen, unerwarteten Inhalten konfrontiert. „Projekt X“ setzt von vornherein darauf, dass Teilnehmer füreinander sichtbar werden und Themen von einem Produktionsort in den nächsten „hinüberranken“ können. „Projekt X“ soll eine echte philosophische community im Netz werden – plural und offen, aber auf hohem Niveau. Seine Startpage dient als „hub“ zwischen den verschiedenen Produktionen, eine (ausblendbare) Ticker-Leiste informiert über neue Posts usw.
  • hypotheses.org kennt nur ein einziges Textformat: den klassischen Blog. „Projekt X“ ist wesentlich flexibler: Es ermöglicht nicht nur Blog-Posts, sondern auch die Veröffentlichung von Mini-Notizen, von gegliederten, übersichtlich navigierbaren Texten in Buchlänge und ein neues „Journal“-Format, bei dem ein Text sukzessive um neue Abschnitte (mit eigener URL) verlängert werden kann – eine Art „umgekehrtes Blog-Format“: schreiben, wie man denkt.